Fenster schließen
  Drucken
 

Sächsische Zeitung, Juli 2007

Wer hat künftig Chancen auf einen Job
Von Katlen Trautmann

Während Akademiker künftig schwerer eine Stelle finden, werden Fachhochschulabgänger gefragt sein.

Dresden. Die Bevölkerung in Sachsen schrumpft in den kommenden Jahren. Sinken dadurch auch die Arbeitslosenzahlen? Bei einer Tagung des Wirtschaftsministeriums zur Fachkräfteentwicklung vertraten Fachleute dazu konträre Ansichten.

Marcel Thum, Chef der Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, prognostizierte, dass ab Mitte des kommenden Jahrzehnts im Freistaat Akademiker und Fachhochschulabgänger knapp werden und infolge dessen auch die Stellen für gering Qualifizierte schwinden. Holger Bonin vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn sagte dagegen, dass die Zahl der Arbeitsstellen etwa in dem Maße sinkt wie die Bevölkerung und sich somit an der Arbeitslosigkeit nichts ändert.

Beide Fachleute stützen sich auf Wirtschaftszahlen des Statistischen Bundesamtes und kommen dennoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Thum prognostiziert, dass unter Akademikern in etwa sechs Jahren nicht nur Vollbeschäftigung herrschen wird, sondern Firmen sogar nach ihnen suchen werden. Ab etwa dem Jahr 2013 leben immer weniger Hoch- und Fachhochschulkräfte im Freistaat. Das lässt sich vorhersagen, weil die künftigen Akademiker heute schon geboren sind und zur Schule gehen.

Dresden anders als der Trend

„Im Ergebnis der Entwicklung fehlen im Osten Hochqualifizierte, vor allem Fachhochschulkräfte. Akademiker werden gesuchte Leute. Als Folge des Mangels werde es weniger Stellen für geringer Qualifizierte geben, denn solche Stellen entstehen meist im Umfeld von hoch qualifizierten Arbeitsplätzen. Die Weiterbildung der Menschen ohne oder mit niedrigem Abschluss zu „Mittelqualifizierten“ verbessere deren Chancen nicht. „Für Leute mit Berufsabschluss sind die Chancen im Osten trotz schrumpfender Bevölkerung auf lange Sicht schlechter als im Westen“, sagte Thum. Nur geringere Arbeitskosten könnten daran etwas ändern.

Allein die Stadt Dresden zeigt eine andere Entwicklung“, so Thum. Hier werden bis zum Jahr 2020 etwa 3000 Menschen ohne oder mit niedrigem Berufsabschluss zusätzlich gesucht – mehr als Akademiker. Pech für die Hochschulabgänger: „In Dresden ist für sie daher kein Lohnruck nach oben zu erwarten“, sagte Thum. Die zusätzlichen Stellen sollen vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen entstehen, etwa bei Finanz- oder Vermietungsservices. Der Effekt zeige sich für Dresden so stark, weil die Industrie hier im Vergleich zum Umland überdurchschnittlich wachse.

Harte Zeiten für Akademiker

Der IZA-Experte Holger Bonin erwartet dagegen für den Osten eine Arbeitslosenquote auf etwa heutigem Niveau. Zugleich mit der erwerbsfähigen Bevölkerung schrumpfe seiner Ansicht nach auch die Zahl der Stellen. Im Osten werden nach seinen Berechnungen bis 2020 zwar bis zu 1,4 Millionen weniger Erwerbstätige als heute Arbeit suchen, im gleichen Zeitraum sinkt die Zahl offener Stellen zwischen 900000 und 1,1 Millionen. Vor allem Leute mit normalem und höherem Berufsabschluss wie Meister und Techniker werden dann im Osten deutlich weniger gefragt. Am Bau, in der öffentlichen Verwaltung und dem verarbeitenden Gewerbe zeichnet sich der Schwund am deutlichsten ab. Die Quote der geringfügig Beschäftigten im Osten werde sich dem westdeutschen Wert von heute 14 Prozent nähern.

Im Westen wird für Uni-Abgänger der Kampf um eine Stelle härter. Das liegt daran, dass ihr Anteil an der schrumpfenden Bevölkerung steigen wird, weil immer mehr Abiturienten zu höheren Berufsabschlüssen drängen. Im gleichen Zug erlernen weniger Menschen einen Beruf – schließlich kann keiner beide Berufswege gleichzeitig einschlagen. Als Folge werden in den nächsten 15 Jahren erst Fachhochschulabsolventen und später Leute mit Berufsabschluss Mangelware. Akademikern drohe auch deshalb Arbeitslosigkeit, weil sich zwischen den Fachrichtungen ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage abzeichne. Das bedeutet, dass Absolventen zwar ein Diplom in der Tasche hätten, aber in einer „falschen“ Fachrichtung. Es gäbe zu viele Geisteswissenschaftler und zu wenig Ingenieure. Das Problem sei schwer lösbar.

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
Fenster schließen
Drucken