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Süddeutsche Zeitung, 8.1.2008

>hl>Alternatives Bauen>/hl>
>hl>Tragkraft aus dem Wald>/hl>

Holz als nachwachsender Rohstoff gilt als umweltfreundlich, aber seine Festigkeit ist vergleichsweise gering. Forscher aus Dresden haben eine Technik entwickelt, um das Material zu stabilen, leichten Säulen zu biegen.
von Katlen Trautmann


Die hölzernen Säulen ähneln modernen Skulpturen. Bei manchen schmücken strahlenförmige Linien ihren Querschnitt, bei anderen glänzt die lebendige Maserung. Doch die Röhren stehen nicht im Museum, sondern im Flur eines technischen Instituts. Ihr Aussehen verdanken sie dem Verfahren der Herstellung.

Ihr Korpus wurde aus speziell behandelten Brettern gebogen, nach einem Verfahren, das Peer Haller von der Technischen Universität Dresden entwickelt hat. Es verleiht den Säulen große Tragkraft und reduziert Materialbedarf und Verschnitt, wenn Holz tragende Aufgaben in Gebäuden übernehmen soll.

Holz als nachwachsender Rohstoff gilt zwar als umweltfreundlich. Eine Reihe Nachteile sorgt jedoch dafür, dass Ingenieure und Architekten lieber zu anderen Baumaterialien greifen. So hängen bei Holz einige Eigenschaften von der Richtung der Faser ab, und seine Festigkeit ist vergleichsweise gering. Beim Zuschnitt geht oft mehr als die Hälfte als Verschnitt verloren. Das macht den ursprünglich preiswerten Rohstoff teuer.

"Um Holz als Baustoff wieder attraktiver zu machen, müssen diese Schwachstellen ausgemerzt werden", sagt Haller.

Er formt darum einfache Kanthölzer aus dem Sägewerk zu Säulen mit hoher Tragkraft um, indem er sie zunächst erhitzt und zusammenpresst, dann in Form zieht.

Die Ziehharmonika stand bei der Idee Pate: Beim Zusammenschieben des Holzes stauchen sich die "überflüssigen" Zellwände wie der Balg einer Harmonika. Danach verhalte sich das Holz wie Gummi, sagt der Holzbau-Professor. "Zieht man das feuchte Holz in eine Richtung, entfalten sich die Lamellen wieder." Nach dem Trocknen bleibt es in Form.

Holz kann das Gewicht von bis zu 50 Autos tragen

Solche Säulen können Haller zufolge für Tragwerkskonstruktionen, aber auch im Anlagen- und Behälterbau angewendet werden. Zum Rohr geformt kann Holz das Gewicht von bis zu 50 Autos tragen. "Mit einem Mantel aus Karbon hält es bis 100 Wagen", erklärt er.

Dabei wiegt es nur 30 Kilogramm; eine Säule aus Vollholz mit vergleichbarer Tragkraft brächte es auf 190 Kilogramm. In einer Berliner Kita spendet seit Jahren ein mit Segeltuch bespanntes Gerüst aus solcherart behandeltem Holz Schatten. In einer Chemnitzer Firma wurde eine Pilotanlage in Betrieb genommen. 80.000 Rohre pro Jahr sollen dort gefertigt werden.

Das Verdichten unter Druck und Hitze gilt in der Holztechnik als traditionelles Verfahren, um das Material fester und gegen Mikroorganismen widerstandsfähiger zu machen. Als Rohstoff eignen sich großporige Hölzer wie Fichte, Buche, Ahorn oder Pappel. Schwere Sorten mit kleinen Poren wie Eisen- oder Ebenholz kommen nicht in Frage.

"Das Verfahren beschreitet einen exotischen Weg der Holzbearbeitung", sagt Rainer Marutzky, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Holzforschung in Braunschweig. Trotzdem und vielleicht gerade deswegen bescheinigt er der Methode gute Zukunftschancen.

Von seiner Branche hat Haller schon im Jahr 2006 einen Preis für seine Erfindung bekommen. "Ein völlig verändertes Materialverständnis führte den Forscher zum neuen Verfahren", sagte Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann in seiner Laudatio.

Haller nimmt an, dass seine Methode ganz neue Stoffkreisläufe auslöst. Die Holzindustrie sei nun nicht länger auf schnell wachsende, geradstämmige Baumarten angewiesen. "Knorrige Arten wie die Eiche dürften wieder zu Ehren gelangen und Holzhäuser öfters entstehen, ohne dass es dem Wald an die Substanz geht", sagt Haller.

Die höhere Holzausbeute senke die Materialkosten, weil fast alles verarbeitet werden könne. Die Materialersparnis betrage bis zu 80 Prozent. Zudem ließen sich Rohre mit fast beliebig großen Querschnitten herstellen, wie es aus dem Stamm nie möglich wäre.

Obwohl das Holz beim Pressen erhitzt werde, verbrauche die Technologie nicht mehr Energie als die Herstellung jedes anderen am Bau üblichen Materials. "Das neue Verfahren bedient die ökonomische Argumentation", sagt Haller, "ökologisch ist Holz ohnehin."

(SZ vom 08.01.2008/mcs)

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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