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Sächsische Zeitung, 15. Januar 2008


Sächsische Zeitung
Dienstag, 15. Januar 2008

Woher die Panik kommt
Von Katlen Trautmann

Angstanfälle kommen oft wie der Blitz aus dem Sommerhimmel: Betroffene fühlen schlagartig Herzrasen, Übelkeit und Todesangst. Ein Anlass für die Panik findet sich in der konkreten Situation so gut wie nie.

Viele Menschen wollen der Wiederholung dieser fürchterlichen Erfahrung vorbeugen. Das kann einen verhängnisvollen Kreislauf in Gang setzen. Aus Angst vor dem vermuteten nächsten Anfall vermeiden sie normale Tätigkeiten wie Busfahren, Einkaufen und in Härtefällen sogar das Auf-Arbeit-Gehen.

Die Angsterkrankungen münden unbehandelt in ihrer schwersten Form: der Panikerkrankung mit Platzangst (Agoraphobie). Diese Angst vor weiten Plätzen – als Symbol der Schutzlosigkeit – dominiert.

Die Ursachen der Panikstörung sind zwar vielfältig. „Kinder panikkranker Eltern tragen jedoch ein bis zu dreifach höheres Risiko zu erkranken“, sagt Professor Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität Dresden.

Der Psychologe hat mit seinem Team den Zusammenhang in einer der weltweit größten familiengenetischen Studien mit mehr als 3000 Familien und Beobachtungen über zehn Jahre belegt. „Wenn ein Elternteil von einer Panikerkrankung betroffen ist, entwickeln 23Prozent der Kinder ebenfalls die Krankheit“, erklärt Wittchen. Der Nachwuchs unbelasteter Eltern erkrankte nur zu 8,3 Prozent. Leiden beide Eltern daran, liegt die Wahrscheinlichkeit sogar bei 34Prozent.

Erbanlagen spielen eine untergeordnete Rolle. „Keine molekulargenetischen Strukturen sind allein für die Krankheit zuständig“, sagt der Forscher. Andere Einflüsse besäßen mehr Gewicht bei der Krankheitsentwicklung. Entscheidend sei das Klima in der Familie. Gefährdete Familien zeichne ein Klima von gleichzeitiger Wärme, Überbehütung und negativer Kritik aus.

Komplett handlungsunfähig

Die Krankheit zeigtsich in der Regel bis zum 20.Lebensjahr. „Es hat keinen Sinn, darauf zu warten, dass es sich von allein auswächst“, erklärt Wittchen. Die Panik nehme nicht zu, aber das Vermeidungsverhalten. Frühe Symptome deuten zudem auf einen schweren Verlauf hin. Angstpatienten als „nur ein bisschen hysterisch“ zu bezeichnen, verkennt das Ausmaß des Geschehens. Im Extremfall sind die Patienten komplett handlungsunfähig. Schwere Depressionen und Alkohol- oder Tablettensüchte sind häufige Begleiterscheinungen von Panikerkrankungen.

Anders als subjektiv wahrgenommen, besteht aber während eines Angstanfalls nur geringe körperliche Gefahr. „An einem Panikanfall stirbt man nicht“, unterstreicht Wittchen. Die Leute wähnen häufig, an einem Herzanfall zu sterben. „Doch die Belastung während der Attacke übersteigt in Wahrheit die beim Treppensteigen kaum“, hat er beobachtet. Durch Messen von Entzündungsmarkern im Blut kann der Arzt einen echten Herzanfall von Panik unterscheiden.

Eine Konfrontationstherapie kann die Krankheitsdynamik bremsen. Die Patienten setzen sich dabei in Begleitung immer wieder den bisher vermiedenen Situationen aus. „Sie lernen dabei, dass auch die größte Angst irgendwann von selbst abklingt“, erklärt Stephanie Preiß von der Psychologischen Fakultät das Prinzip. Preiß betreut Patienten in Dresden. Dem Gefühl der Schutzlosigkeit setzen sich Ängstliche auch in einer sogenannten Panikkammer aus. Dabei handelt es sich um eine Art leeren, schallisolierten Schrank. Drei von vier Patienten bekommen durch Verhaltenstherapie ihre Panikanfälle in den Griff, heißt es.

Anlaufstelle Paniknetz

Werdenden Eltern legt Wittchen nahe, sich vor der Geburt des Kindes mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen. Ein entsprechendes Forschungsprojekt läuft derzeit ebenfalls an der Dresdner Hochschule. „Erfolgreich behandelte Eltern sind die beste Prävention“, betont der Forscher.

Ein bundesweites Netz von Zentren, das Paniknetz, forscht an einer optimierten Paniktherapie. Patienten können sich an die Anlaufstellen in Dresden, Berlin, Greifswald, Aachen, Würzburg und Münster wenden.

www.paniknetz.de

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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