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Sächsische Zeitung, 5. Februar 2008


Sächsische Zeitung
Dienstag, 5. Februar 2008

„Schon Kinder sollten Scheitern lernen“

Die Bestseller-Autorin Anne Koark erklärt im SZ-Gespräch, wie sie mit ihrer Firma in die Pleite schlitterte – und danach erfolgreich blieb.

Frau Koark, über Erfolge spricht jeder gern. Sie sprechen auch über die Pleite Ihrer Firma. Ist das schon Koketterie?

Ich rede tatsächlich seit viereinhalb Jahren offen über den Konkurs, halte Vorträge und habe ein Buch darüber geschrieben. Über Unternehmer, die eine Insolvenz hingelegt haben, kursieren viele Vorurteile. Die helfen niemandem. Jedem Gläubiger dürfte klar sein, dass Betroffene ihren Verpflichtungen nur nachkommen können, wenn sie eine zweite Chance bekommen.

Wie lief das bei Ihrer Firma?

Meine Firma bot ab 1999 ausländischen Unternehmen Hilfe an bei der Ansiedlung in Deutschland. Zwei Stunden nach dem Start meiner Internet-Seite meldeten sich Technologie-Kunden aus den USA. Der Umsatz stieg binnen Monaten um 1200 Prozent. Ich glaubte auch an den Durchbruch. Es war gigantisch und ...

... und ging dennoch schief.

Ja, das war wirklich nicht vorhersehbar. Es lag am Terror des 11.September 2001: Kein Unternehmer kam mehr persönlich nach Deutschland. Alle wollten nur noch per Mail kommunizieren. Als ein potenzieller Investor absprang, war das Aus nicht mehr aufzuhalten.

Was erlebt ein Unternehmer in so einer Phase?

Er oder sie braucht ein verdammt dickes Fell. Außenstehende stempeln einen schnell als Versager ab. Sie bekommen einen Insolvenzverwalter vorgesetzt und dürfen keine betrieblichen Entscheidungen mehr treffen. Die eigene Existenz bleibt ungesichert.

Das bedeutet?

Erst seit Anfang Januar habe ich wieder ein Girokonto. Zuvor musste ich sogar meine Miete per Hand überweisen. Vier Euro kostete das jedes Mal.

Betroffene versuchen oft, die Fassade zu wahren oder igeln sich ein. Sie sind in die Öffentlichkeit getreten.

Zum Glück. Zuerst habe ich mit meinen Geschäftspartnern gesprochen. Dort stieß ich auf überraschend viel Verständnis. Einige gaben mir zusätzliche Aufträge, damit ich Umsätze habe. Später schrieb ich das Buch „Insolvent und trotzdem erfolgreich“. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries fragte mir Löcher in den Bauch. Vor der EU, der OECD und der Weltbank habe ich auch gesprochen.

Dennoch: Pleitiers werden oft als Versager abgestempelt. Woher nehmen Sie den Mut zur Offenheit?

Mit ihr habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Einige Gläubiger besuchen meine Vorträge, oder ich besuche ihre Weihnachtsfeier. Vielleicht liegt es an meiner Herkunft als Britin. In angelsächsischen Ländern gelten Unternehmer mit Insolvenzerfahrung als gestandene Partner. Man geht davon aus, dass sie aus den Fehlern gelernt haben. Untersuchungen belegen übrigens, dass Firmenchefs im zweiten Anlauf in der Regel mehr verdienen als zuvor.

Also ist Scheitern gut?

Wiederaufzustehen nach einer Niederlage ist eine deutsche Tugend. Die Trümmerfrauen sind Symbol dafür. Die Deutschen machen sich diese Stärke aber nicht mehr bewusst. Bevor sie etwas Falsches machen, tun sie lieber nichts. Bei einer nichtkriminellen Pleite ist die Schuldfrage völlig unerheblich. Der Lerneffekt ist wichtiger. Die Deutschen betrachten die Schuldfrage zu intensiv. Die Wohlverhaltensphase – also die Zeit, in der der Insolvente unter strengen Auflagen alles tun muss, um die Gläubiger zu bedienen – dauert in Großbritannien ein Jahr, in Frankreich anderthalb Jahre und in Deutschland sechs Jahre.

Vielleicht sind die Deutschen auch deshalb vorsichtiger?

Die Angst, etwas könnte schief gehen, sitzt sehr tief. Man starrt auf die Kernkompetenz. Wenn die Pharmafirma Pfizer furchtsam gewesen wäre, gäbe es Viagra nicht. Das Unternehmen hatte bekanntlich an einem Herzmedikament geforscht. Der Computerbauer Hewlett-Packard legte vor seinem Erfolg eine furchtbare Pleite hin: mit einer selbst entwickelten Maschine zum Ernten von Salatköpfen. Und der Gründer von McDonalds begann als glückloser Immobilienmakler. Wir sollten schon unseren Kindern lehren, wie man mit dem Scheitern umgeht.

Haben Sie mit Ihren Kindern über Ihre Lage geredet?

Sie waren von Anfang an eingeweiht. Kinder erwischt es kalt, wenn sie so etwas von Dritten erfahren. Meine Söhne konnten in der Schule gut damit umgehen. Kinder haben keine Vorurteile, sie wollen verstehen.

Warum sollten sich Existenzgründer schon zu Anfang mit den unangenehmen Gedanken ans Scheitern beschäftigen?

Wenn Sie sich damit vor der Gründung beschäftigen, freute es mich. Dabei sollte man sich mit mehreren Pleiten beschäftigen, um nicht die gleichen Fehler zu machen.

Was können Sie Gescheiterten mit auf den Weg geben?

Die Menschen um Sie herum müssen Bescheid wissen: Freunde, Kunden, Geschäftspartner. Ich hätte mehr Aufträge bekommen, wenn ich früher den Mut zum Eingeständnis gefunden hätte. Holen Sie Leute von außen, die die Lage ohne Emotionalität sehen. Die eigene Firma ist oft das „Baby“, das man nicht neutral sehen kann.

Was nutzt Offenheit, wenn die Banken sich querlegen und beim zweiten Anlauf Kredite verweigern?

Die Banken müssen erkennen, welche Gruppe sie in den Wiedergründern vor sich haben. Die sind doch weniger riskant als Erstgründer. Es sollte eine „Bank der zweiten Chance“ geben, die sich explizit um die Wiedergründer kümmern. Ich glaube an die Banken.

Das Gespräch führte Katlen Trautmann.

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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