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Financial Times Deutschland, 14.09.2005

In Dresden läuft alles besser als anderswo im Osten: es gibt weniger Arbeitslose, höhere Einkommen, weniger Schulden

Katlen Trautmann
Dass Dresden eine Stadt der Superlative ist, wusste schon Erich Kästner. In dem Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ (für viele Dresdner eine Art Bibel) gibt es für den Schriftsteller kein schöneres Bauwerk als den Zwinger, kein bedeutsameres Bild als die Sixtinische Madonna und kein abenteuerlicheres Klettergebiet als das Elbsandsteingebirge in der Sächsischen Schweiz.
Heute würde Erich Kästner vielleicht andere Attraktionen rühmen: Dresden ist ein Musterbeispiel für den Aufbau Ost. Die Region gilt als größtes Mikroelektronikzentrum Europas. Der Bereich Biotechnologie boomt, und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft verlieh Dresden gerade den Titel „Stadt der Wissenschaft 2006“.
Zudem bescheinigt das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Sachsen 2004 die größte Dynamik unter den deutschen Bundesländern: die beste Exportquote, das höchste Durchschnittseinkommen im Osten, die niedrigsten Schulden. „Die Stadt hat ihre Chancen genutzt“, sagt auch Marcel Thum, Chef des Dresdner Institutes für Wirtschaftsforschung (IfO).
Dresdens wichtigste und umsatzstärkste Branche ist die Mikroelektronik. In diesen Tagen wird das neue Halbleiterwerk „Fab 36“ des amerikanischen Chipherstellers Advanced Micro Devices (AMD) fertig gestellt, zu den bislang 2400 Mitarbeitern werden noch weitere 1000 hinzukommen. Ganz in der Nähe produziert auch der Chiphersteller Infineon mit 5500 Mitarbeitern. Dazu kommt ein Netz von rund 150 kleineren Unternehmen der Halbleiterindustrie ergänzt um Fraunhofer-, Max-Planck- und Leibniz-Institute der Technischen Universität Dresden (TU).
Überhaupt wird das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft in Dresden groß geschrieben und vom Land gefördert. So gibt es allein elf Fraunhofer- Institute, so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt.
Branchen wie Maschinenbau, Ernährungsgewerbe und Fahrzeugbau verzeichnen immerhin leichte Umsatzsteigerungen. Volkswagen etwa lässt in der „Gläsernen Manufaktur“ seinen Luxuswagen Phaeton montieren. Der hat sich zwar als Ladenhüter erwiesen, sodass die für jährlich 20 000 Stück ausgelegte Fabrik nur zu einem Viertel ausgelastet ist. Jetzt soll aber hier auch der Bentley Flying Spur zusammengebaut werden. Und erst jüngst hat Dresden wieder ein Rennen für sich entschieden: Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline, zweitgrößter der Welt, baut dort für rund 100 Mio. Euro ein neues Werk für Grippeimpfstoffe. Oberbürgermeister Ingolf Rossberg freut sich über solche Entscheidungen, sieht aber durchaus bereist das Ende der Fahnenstange: „Immer kürzere Entwicklungszeiten neuer Technologien machen Unternehmen flexibler bei der Standortwahl“, sagt er. Auch nach Ansicht des IfO-Institutes und der Industrie- und Handelskammer neigt sich die zeit der Großansiedlungen in Dresden dem Ende zu.
Dafür steigt die Zahl der Touristen. Semperoper, Zwinger. Residenzschloss und nicht zuletzt der Wiederaufbau der Frauenkirche haben im vergangene Jahr fast acht Millionen Besucher angezogen. Im Juni hat die UNESO das Elbtal rund um Dresden zum Weltkulturerbe erklärt, jetzt dürften es noch erheblich mehr werden. Jüngste Attraktion ist das Grüne Gewölbe. Die Schatzkammer von Sachsenkurfürst und Polenkönig August II. (1670 - 1733), auch „der Starke“ genannt, zog unlängst an ihren alten Platz im Residenzschloss zurück. Es wird aufwändig restauriert. Im Frühjahr 2006 werden auch die Prachtrume wieder im alten Stil hergerichtet sein.
Überhaupt wird in Dresden an jeder Ecke gebaut. Der Neumarkt zu Füßen der Frauenkirche etwa wird eine Art Potemkinsches Dorf – mit historischen Hausfassaden und modernen Höfen. Denn Städtebau heißt in „Elbflorenz“, wie Dresden oft genannt wird, vor allem Rückbau zur Historie. Dass zur Geschichte der satdt auch Plattenbauten gehören, wird nicht verleugnet. Die Wohnkästen an der Einkaufsmeile Prager Straße stehen unter Denkmalsschutz.
Doch trotz der vielen positiven Entwicklungen hat sich Dresden rigoroses Sparen verordnet. Im Haushalt 2005 (Einnahmen: gut 1,3 Mrd. Euro) schlägt ein Defizit von 62 Mio. Euro zu Buche. Das Regierungspräsidium hat angemahnt, die Schulden von 750 Mio. Euro abzubauen. Das wollen die Stadtväter bis spätestens 2011 geschafft haben. Der verkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Woba (rund 48 000 Wohnungen) soll 550 Mio. Euro bringen. Rossberg macht sich für Personalabbau stark. Auch Zweitwohnsitz- und gehobene Grundsteuer sollen für zusätzliche Einnahmen sorgen.
Immerhin geht es der Stadt mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von rund 1750 Euro (Sachsen: 2750 Euro) und einer Arbeitslosenquote von 15,4 Prozent (Sachsen:19,8 Prozent) vergleichsweise gut. Das Durchschnittseinkommen von 15 200 Euro pro Jahr liegt nur 600 Euro unter dem Bundessschnitt und ist Spitze im Osten. Im Gegensatz zu anderen Kommune laufen der Stadt auch die Bewohner nicht davon. Die Einwohnerzahl wächst seit 1999 kontinuierlich von damals 471 133 auf 488 347 im Jahr 2004. Auch der vielerorts befürchtete Fachkräftemangel ist in Dresden kein Thema: „Die werden herziehen – wegen der Stadt und des Lebensgefühls“, sagt Detlef Hamann, Hauptgeschäftsführer der IHK.
Dieses Lebensgefühl hat sich sogar bis Amerika herumgesprochen. Als AMD –Chef Jerry Sanders in den 90ger Jahren gefragt wurde, warum er ausgerechnet in Dresden investieren wolle, sagte er: „It´s all about the people!“ – es liegt an den Menschen dort.

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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