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Ärztezeitung Februar 2007

Ärzte Zeitung, 07.12.2006
Patienten in Lommatzsch bei Meißen freuen sich über Arzt aus der Ukraine
Der Weg zur eigenen Praxis war für Leonid Garber aus der Nähe von Kiew sehr lang


LOMMATZSCH. Das Deutschlernen, die Prüfung seines Fachwissens - all das war für Allgemeinarzt Leonid Garber aus der Ukraine kein Problem. Die wichtigste Hürde für eine Niederlassung, die vorzeitige Einbürgerung, schaffte er allerdings nur mit Hilfe von Freunden und Kollegen. Durch sie hat Leonid Garber nun endlich die Möglichkeit, in Sachsen Patienten zu behandeln.

Von Katlen Trautmann

Leonid Garber kam vor sieben Jahren mit Frau und Tochter, Eltern und Brüdern als Kontingentflüchtling nach Sachsen. In einer Stadt nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew hatte er zuvor als Notfallmediziner gearbeitet. Heute betreibt er zusammen mit seiner Kollegin Dr. Ursel Hirsch in Lommatzsch bei Meißen (Sachsen) eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin.

Doch der Weg dahin war lang. In Deutschland "haben wir jede Chance ergriffen", erinnert sich der 38jährige. Nach einem halbjährigen Deutschkurs drohte die Arbeitslosigkeit. Denn damit Ärzte aus Nicht-EU-Ländern in Deutschland arbeiten dürfen, müssen sie seit dem Jahr 2002 eine Extra-Prüfung ablegen, in der sie die Gleichwertigkeit ihres Fachwissens nachweisen müssen. Vorher genügte die Bescheinigung durch einen Chefarzt nach einem halbjährigen Praktikum.
Innere Medizin und Chirurgie sind Pflichtprüfungsfächer

Inhalt und Form des Tests regelt jedes Bundesland eigenständig. Pflicht sind Prüfungen in den Fächern Innere Medizin und Chirurgie. Dazu kommt ein Wahlfach, das jedes Land selbst festlegt. Auf diese Prüfung werden die Ärzte aus Nicht-EU-Ländern speziell vorbereitet. Garber besuchte die Kulturakademie Gesellschaft für soziale und kulturelle Bildung in Dresden.

Fünf Monate Theorie und sechs Monate Praktikum müssen die Schüler dort absolvieren. Die geschäftsführende Direktorin Dr. Christiane Härtwig sieht in den zugewanderten Medizinern ein gewaltiges Potential. "Das sind gut ausgebildete Ärzte", sagt sie. Doch sie hätten bislang häufig mit in Deutschland unbekannten Medikamenten und Methoden gearbeitet.

Während des Theorieteils werden an der Akademie viele Fachgebiete wie Allgemeinmedizin, HNO, Gastroenterologie, Infektologie, Radiologie oder auch Unfallhilfe durchgenommen. "Nach dem Praktikum treten kaum Probleme mit der Vermittlung auf", erklärt die Direktorin. Mehr als acht von zehn Absolventen bekommen den Angaben zufolge anschließend einen Arbeitsplatz.

Auch der Hausarzt Garber fand nach dem Kurs gleich eine Stelle als Weiterbildungsassistent bei seiner Kollegin Hirsch. Die Landesärztekammer hatte ihm zwar zwei Jahre Weiterbildung als Stationsarzt in der Ukraine anerkannt; doch drei Jahre im ambulanten Dienst fehlten an der kompletten Facharztausbildung. "Ich habe immer von einer eigenen Praxis geträumt", erinnert sich Garber. Für seine damalige Chefin war seine Mitarbeit willkommen. "Ich habe zuvor gearbeitet ohne Pause, nachdem ein Assistent altershalber in den Ruhestand gegangen war", erzählt sie.

Die Patienten akzeptierten den Doktor aus der Ukraine schnell. Er gilt als fleißig und kompetent. Auch seine Familie hatte sich zu dem Zeitpunkt längst in Lommatzsch eingelebt. Beide Mediziner beschlossen, zusammen eine Gemeinschaftspraxis zu gründen.
Die Behörden sträubten sich gegen vorzeitige Einbürgerung

Die Enttäuschung kam für Garber nach der bestandenen Facharzt-Prüfung - fünf Jahre und einige Monate, nach dem Garber nach Deutschland gekommen war. Die Behörden sträubten sich zu diesem Zeitpunkt gegen seine Einbürgerung. Außer der Prüfung war für Garber die deutsche Staatsbürgerschaft zwingende Voraussetzung für die Approbation. Ohne sie konnte er sich nicht in Deutschland niederlassen.

Kontingentflüchtlinge können nach dem Gesetz in der Regel acht Jahre nach der Einreise eingebürgert werden. Ausnahmen sind bereits nach sechs Jahren möglich. Bislang kamen vor allem Künstler oder Sportler in den Genuß. "Mein Antrag auf vorzeitige Einbürgerung wurde erst einmal abgeschmettert", schildert Garber. "Ich war maßlos enttäuscht."

Deutsche Ausbildung, Sprachkenntnisse, feste Praxisstelle - nichts half. "Die Schwierigkeiten auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft waren gigantisch. So schwer habe ich sie mir nicht vorgestellt", erzählt der Arzt. Glücklicherweise halfen das Landratsamt Meißen, seine damaligen Chefin und heutige Kollegin sowie ihr Mann bei den Behördengängen.
Arzt war bei Behördengängen auf fremde Hilfe angewiesen

Garber sei der deutschlandweit erste Arzt, der vor Ablauf der Wartezeit eingebürgert werde, habe man bei der Einbürgerung auf dem Regierungspräsidium gesagt. Ohne fremde Hilfe, so sieht Garber es heute, hätte er keine Chance gehabt, in Deutschland als Arzt zu arbeiten. Hirsch hat die Entscheidung für ihren Kollegen keine Sekunde bereut.

STICHWORT Kontingentflüchtling

Kontingentflüchtlinge sind eine privilegierte Sondergruppe von Ausländern. Diese Gruppe - vor allem jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion - werden nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ohne Asylverfahren aufgenommen und bekommen sofort eine Aufenthaltserlaubnis. Das ist im Humanitären Flüchtlingsgesetz geregelt. In den Jahren 1993 bis 2005 kamen etwa 195 000 Kontigentflüchtlinge jüdischen Glaubens aus den GUS-Staaten nach Deutschland.

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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