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Deutsche Presseagentur 5. Juli 2007

Zwei Kulturen, zwei Sprachen, ein Abitur

Zwölf Deutsche und zwölf Tschechen vom Pirnaer Schiller-Gymnasium erhalten Zeugnisse, die in beiden Ländern Türen zu den Universitäten öffnen.

Von Katlen Trautmann

Mehr als 70 Abiturienten und ebenso viele hellblaue Schärpen werden heute erstrahlen. Die Schüler des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Pirna erhalten im Kongresszentrum Dresden ihre Abschlusszeugnisse.

24 von ihnen können sich damit an deutschen wie tschechischen Universitäten für ein Studium bewerben. Sie gehören zum vierten Schuljahrgang, der ein deutsch-tschechisches Abitur abgelegt hat. Das Schiller-Gymnasium Pirna bietet als einzige Schule in Deutschland den bilingualen Abschluss für Deutsche und Tschechen. Seit 1998 bauen Lehrer und Schüler Brücken der Verständigung.

820 Schüler aus Sachsen und Tschechien werden am Schiller- Gymnasium in beiden Kulturen unterrichtet. 164 nehmen derzeit Kurs auf ein Abitur mit Schwerpunkt Tschechisch. Romana Brabcova aus Jirkov bei Chomutov hat es heute nach sechs Jahren in der Tasche. Die frisch gebackene Abiturientin plant eine Ausbildung zur Krankenschwester in einer Leipziger Arztpraxis und anschließend ein Medizinstudium in Deutschland. „Pirna wurde unsere zweite Heimat, und die Erzieher wurden unsere Ersatzeltern“, sagt die 18-Jährige, die mit zwölf Jahren nach Sachsen kam und deren Uroma Deutsche war.

>b>Neue Lehrbücher für Kinder

In den sanierten Renaissance- und Barockhäusern des 2000 eröffneten Internats leben 86 tschechische und 17 deutsche Kinder. 116 Lehrkräfte kümmern sich neben dem Unterricht um sie. Unter ihnen sind 20 tschechische Kollegen. Die ersten tschechischen Kinder, die im August 1998 nach Pirna kamen, wohnten noch bei Gastfamilien.

Der Staatsvertrag zwischen Sachsen und Tschechien über das Projekt ist auf 25 Jahre ausgelegt. „Er beschert uns 25 Jahre Arbeit“, sagt Schulleiter Bernd Wenzel. Parallel zum Unterricht entwickeln Pädagogen und Schüler Lehrpläne und material für das binationale Abitur. Das deutschlandweit einmalige Unterrichtsfach „Deutsch-tschechische Geschichte“ soll im kommenden Schuljahr getestet werden. Zudem entstehen Lehrbücher der tschechischen Sprache für Kinder. Solche Bücher gibt es bislang nur für Erwachsene.

Eltern und Kinder nehmen mit der Entscheidung für Pirna Risiken in Kauf. Weil das Abitur in beiden Ländern nicht automatisch einen Zugang zur Universität garantiert, bedeutet es zunächst mehr Aufwand. Hochschulen in Tschechien verlangen in ihren Aufnahmeprüfungen mehr Stoff, der im sächsischen Lehrplan fehle, sagt der tschechische Studienkoordinator der Schule, Miroslav Bartosek. Ausbildungsförderung oder Stipendien für ausländische Studenten sind in Deutschland die Ausnahme. Deutsche Stiftungen helfen ab drittem Semester.

Petr fühlt sich nicht als Exot

Bartosek hat für dieses späte Einsteigen Verständnis: „Die Stiftungen schützen sich vor Abenteurern.“ Als Mentor an der Schule sucht er nach einvernehmlichen Übergängen zwischen den Schulgesetzen beider Länder, organisiert die länderübergreifende Teilnahme an Schülerwettbewerben und berät tschechische Eltern. Den Nachwuchs mit zwölf Jahren ins Ausland zu schicken, fällt den Eltern oft nicht leicht. Trotz der Unwägbarkeiten bewerben sich gegenwärtig vier Tschechen oder zwei Deutsche auf jeden der je 15 Länderplätze.

Vor wenigen Jahren war die Nachfrage eingebrochen. Schulleiter Wenzel erklärt das einerseits damit, dass Englisch als Fremdsprache dem Deutschen den Rang ablaufe. „Nazi-Aufmärsche in Dresden haben dem Vorhaben auch geschadet“, beklagt Wenzel. Aufklärungsarbeit, Werbung auf Bildungsmessen und in den Medien kurbelten inzwischen die Nachfrage wieder an.

Einem reichlichen halben Dutzend Abiturienten tschechischer Herkunft gelang seither der Wechsel in eine deutsche Ausbildung. Hinter Petr Zvolsky aus Usti nad Labem liegt inzwischen das zweite Semester des Physikstudiums an der Technischen Universität Dresden. Auf Wunsch der Eltern war er vor sieben Jahren nach Pirna gegangen. Zunächst ohne Begeisterung, wie er sagt. Aber der 19-jährige Student hat die Entscheidung nicht bereut. Als Exot fühle er sich unter den Kommilitonen nie. „Pirna war genau die richtige Wahl.“ (dpa)

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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