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Sächsische Zeitung, 15.Januar 2007

Die EU-Kommission möchte die Vorgaben für Kohlendioxid-Emissionen verschärfen. Warum will sich Deutschland in die ersten Reihe stellen?

Es hat sich immer gezeigt, dass Volkswirtschaften, die bei umweltfreundlichen Technologien vorangehen, davon große Vorteile hatten. Zum einen bedeutet es Imagegewinn, zum anderen ist es ein harter ökonomischer Vorteil. Das war bei der Luftreinhaltung und beim Gewässerschutz eindeutig der Fall. Der Kampf gegen den Klimawandel und die Dämpfung der CO2-Emission werden die Standorte Deutschland und Europa stärken.

Was macht die Kombination aus Klimaschutz und Energie für Länder außerhalb Europas interessant?
Wir sehen gegenwärtig viele Entwicklungsländer in eine neue wirtschaftliche Entwicklung aufbrechen und die Armut bekämpfen. Denken wir an China mit 1,3 Milliarden Menschen oder Indien mit 1,2 Milliarden Menschen. Diese Länder brauchen massiv Energie. Wer nicht effizient mit Energie umzugehen und alternative Energien nutzbar zu machen versteht, der wird unter erheblichen Engpässen, Versorgungsunsicherheit und wirtschaftlichen Nachteilen leiden.

China oder Indien sind nicht gerade wegen reiner Luft bekannt, vor allem in Städten. Wie wollen Sie zu Klimaschutz ermutigen?

Nehmen Sie Indien, dort beträgt der CO2-Ausstoß weniger als eine Tonne pro Kopf. Wir in Deutschland verbrauchen etwa zehn Tonnen pro Kopf und Jahr und die Amerikaner 22. Wir selbst sagen, für uns sind die alternativen Energien noch zu teuer und nutzen sie noch nicht hinreichend.

Wie wollen Sie den Ärmsten der Armen, deren Pro-Kopf-Einkommen etwa ein Zehntel des unsrigen beträgt, sagen, dass sie die teuersten Energien nutzen sollen, während wir sie noch nicht genügend einsetzen?

Hier sollte man die Dinge ein bisschen realistisch sehen. Wir müssen die Technologien bei erneuerbaren Energien wirtschaftlicher machen.

Also dürfen die Umweltsünder weitermachen?

Ich war acht Jahre verantwortlich für globale Umweltpolitik, habe in Nairobi gelebt. Da war ich täglich konfrontiert mit der giftigsten Substanz der Welt: der Armut. Wir müssen in Deutschland unser Ziel darin sehen, dass alternative Energietechnik wirtschaftlich wird, dass wir sie anbieten und andere sie nutzen können. Aber auch schnell wachsende Schwellenländer leiden unter dem Klimawandel. Aus Eigeninteresse verfolgen sie zunehmend eine wirksame Klimapolitik.

Die Bundesregierung will den Emissionshandel auf den Flugverkehr ausweiten. Wie wahrscheinlich ist eine Einigung auf europäischer Ebene?

In Europa wird man sich darauf einigen. Der größte Zuwachs bei den Emissionen kommt vom Luftverkehr. Über Europa hinaus wird es erhebliche Schwierigkeiten geben. Die USA oder einige Entwicklungsländer sind dazu kaum bereit. Aber das ist für mich kein Grund zu sagen, das kommt nicht. Gehen wir in Europa doch voran! Dann wird auch der Emissionshandel wieder in Gang kommen. Eine Tonne CO2 kostet derzeit drei Euro, also praktisch gar nichts, weil keine Knappheit an Emissionszertifikaten herrscht. Die Einbindung des Flugverkehr wird Nachfrage schaffen.

Kritiker des Limits fürchten um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Was halten Sie denen entgegen?

Technologisch führende Länder müssen vorangehen, natürlich mit Augenmaß. Wenn neue Entwicklungen angeschoben wurden, hieß es in der Vergangenheit immer, das schade dem Standort Deutschland und letztlich ist er dadurch gestärkt worden. Umweltverträgliche Techniken sind die Marktchancen in der globalisierten Welt.

Während des Öl-Lieferstopps an der „Drushba“-Trasse wurden Rufe nach dem „Ausstieg aus dem Ausstieg“ bei Atomkraft laut. Wie beurteilen Sie als einer, der mit Distanz auf die Dinge blickt, die Entwicklung?

Global wird in immer mehr Ländern Atomkraft als Lösung künftiger Energieprobleme gesehen. 440Atomkraftwerke arbeiten weltweit. Passieren dort Fehler, betreffen die auch uns. Tschernobyl war kein Kraftwerk in Deutschland. Egal, ob wir Atomkraft haben oder nicht: Deutschland darf Fragen von Sicherheit und Entsorgung nicht ausklammern. Wir müssen zudem Technologien weiter entwickeln und anwenden, die die Kernenergie überflüssig machen.

Der Termin für den Atomausstieg Deutschlands steht für das Jahr 2023. Brauchen wir vielleicht noch länger Kernenergie, weil die Alternativen noch nicht so weit sind?

Es wäre fatal, wenn sich Energiepolitik auf die Frage verengen würde: „Bist du für oder gegen Atomenergie?“ Mit Kernenergie allein wird sich das Klimaproblem nicht lösen lassen. Wir brauchen eine Übergangszeit und mehr Investitionen, Technik, Marktumsetzung für erneuerbare Energien und eine revolutionäre Erhöhung der Energie-Effizienz, um die Zeitspanne so kurz wie möglich zu halten. Die auf dem Petersburger Gipfel in Dresden vereinbarte Kooperation zwischen der Bergakademie Freiberg und der Petersburger Universität widmet sich solchen Themen. Auch deshalb bin ich in hohem Maße froh, gerade durch die Bergakademie den Ehrendoktor zu bekommen.

Gespräch: Katlen Trautmann

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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