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SZ am Sonntag vom 21.03.2004

SZ 21.03. 2004

Was ein Heer braucht

Stabwechsel. Der neue Chef der Dresdner Heeresschule, Marcus Bentler, steht vor zahlreichen Herausforderungen

Hier werden Eliten ausgebildet - für das Militär. Auf dem Gelände der Albertstadt, an der Stauffenbergallee im Norden Dresdens, mischen sich die Gebäude der Offiziersschule des Heeres, des Verteidigungsbezirkskommandos und des Standortältesten von Dresden. Künftige Kommandeure der Bundeswehr und der Heere vieler Länder erhalten an der Offiziersschule ihre Ausbildung. Die Aufgaben der Offiziere in spe wandeln sich in den nächsten Jahren, legt die Debatte um die Reform der Bundeswehr nahe. Auch die Lehre an der Militärschule muss sich ändern, um mit der Truppe im Gleichschritt zu marschieren.
Äußerlich geht das Leben in der Albertstadt seinen gewohnten Gang. Zackig grüßt der Wachposten am Tor. Junge Männer und Frauen im Trainingsanzug drehen beim Dauerlauf ihre Runden über das 360-Hektar-Areal. Auf einer Ehrengala übergibt Brigadegeneral Fritz von Korff am Freitag das Kommando an seinen Nachfolger General Marcus Johannes Bentler. „Ich gehe mit großem Respekt vor der Leistung meines Vorgängers an die Aufgabe“, sagt der 50-jährige Bentler. Der diplomierte Pädagoge studierte in Washington und kommandierte unter anderem die Elite-Gebirgsjägerbrigade 23.
Deutschlands Verteidigungspolitik wirkt direkt auf die Zukunft der Dresdner Offiziersschule. Bundesverteidigungsminister Peter Struck plant den Aufbau von drei neuen K.räftekategorien für die neuen Aufgaben Krisenbewältigung und Konfliktverhütung im Auftrag von Nato und EU - nämlich Eingreif-, Stabilisierungs- und Unterstützungskräfte. Jedes Segment fordert neben Generalisten auch Spezialisten. Zudem fordert Struck weitere Entwicklungen auf dem Felde der Menschenführung, besonders unter besonderen Belastungen und Stress. Zum Vergleich: Gegenwärtig dient jede 30. Stunde der Offiziersausbildung dem Unterricht in Menschenführung, jede fünfte Stunde dem Sport.

Von Hannover nach Dresden

Das wird an der Dresdner Schule als eine besondere Herausforderung angesehen. Als einzige Ausbildungsstätte militärischer Führungskräfte für das Heer bleibt sie von den Plänen zur Schließung von Bundeswehr-Standorten unberührt. Seit September 1998, als die Offiziersschule des Heeres von ihrem damaligen Standort Hannover in die Albertstadt zog, wurden hier rund 6000 Frauen und Männer aus 45 Ländern, darunter Korea, Lesotho die ehemaligen GUS-Staaten, ausgebildet. Die meisten deutschen Offiziersanwärter beginnen ein Studium, entweder an den Bundeswehr-Unis in München und Hamburg oder an zivilen Hochschulen. Der Sold während dieser Zeit beträgt zwischen 1200 und 1400 Euro netto. 240 Militärangehörige und 85 Zivilisten sorgen für reibungslosen Ablauf des Studiums an der Dresdner Heeresschule. Aufträge über sechs Millionen Euro gehen im Jahr an sächsische Firmen.

Der Chef des Bundesheeresamtes, Generalmajor Jürgen Ruwe, nennt Details für eine neue Richtung der Ausbildung. „Die Ziele der Ausbildung müssen sich an Erfordernisse einer Armee im Einsatz ausrichten." Neben der Lehre des traditionellen militärischen Handwerks, so Ruwe, liegt künftig in der Ausbildung mehr Wert auf Sprachen und interkultureller Kompetenz. Größere Flexibilität der Führungskräfte wird gefragt sein. Gegenwärtig beginnen Offiziersschüler frühestens nach 39 Monaten Dienst in der Truppe ein Studium. Künftig nehmen sie schon nach 15 Monaten Grundwehrdienst und Lehrgängen an der Offiziersschule im Hörsaal Platz. Zwischen 1974 und 1985 war diese Struktur schon einmal aktuell. Später galt sie als veraltet, weil die kurze Ausbildung vor Studienbeginn Offiziersanwärtern kaum Zeit ließ, Führungserfahrung im Alltag zu sammeln. Außerdem entfremdete die Studiendauer angehende Offiziere von Vorstellungen und Verhalten der Truppe, hieß es. „Heute“, so Ruwe, „verstehen sich Bundeswehrangehörige wieder als Bürger in Uniform.“ Eine Garantie auf Karriere innerhalb der angestammten Waffengattung gibt es nicht mehr.

Der Umbau der Ausbildung in Dresden fällt unter Bentlers Kommando. Neuerungen sollen nach seinem Willen sachte angegangen werden. Der General sieht sich als Vertreter von Kontinuität. „Ich gehe die Aufgaben mit Augenmaß an, möchte das Rad nicht neu erfinden“, so Bentlers Credo zum Dienstantritt. Sein Amtsvorgänger General Fritz von Korff ergänzt: „Aber er wird nicht umhin kommen, zu diesen Themen profund zu wirken.“ „Das will ich ja“, fügt der Angesprochene an. Der Umfang der Kurse bleibt voraussichtlich. Der Englisch-Unterricht soll mit einem schwierigen Sprachtest enden, ähnlich dem Toeffl­Test an Hochschulen. Erweiterte Französisch-und Italienisch-Kurse sind im Gespräch.

„Grundwehrdienst soll bleiben“

Vor Auslandseinsätzen erhalten die Offiziersschüler mehr landeskundlichen Unterricht. Menschenkunde wird stärker Element anderer Fächer, keineswegs mehr Stunden umfassen. Bentler: „Wir bilden an der Schule weniger den Spezialisten, sondern rundum erfahrene Offiziere aus.“ Zum Jahresende wird der Plan für die neue Ausbildung ausgearbeitet sein. Der genaue Starttermin ist noch unklar.
Zum Thema „Wehrpflicht oder nicht“ aber steht Bentlers Meinung schon heute wie ein Fels. „Ich bin glühender Vertreter der Wehrpflicht. Zeit- und Berufssoldaten allein können die Aufgaben der Zukunft nicht abdecken. Der Grundwehrdienst soll bleiben.“
Die künftigen Offiziere verfolgen den Umbau der Bundeswehr aufmerksam. Ängste wegen der Zukunft zeigen die Frauen und Männer nicht. Fahnenjunker Katrin Stelzer: „Meine Truppengattung, die operative Information, ist gegenwärtig unter allen Gattungen am häufigsten im Ausland eingesetzt. Daran ändert sich künftig nichts. Die Verkleinerung der Streitkraft und Reduzierung der Zahl der Wehrpflichtigen halte ich für sinnvoll. Dieses Vorgehen sichert höhere Qualität in der Arbeit der Bundeswehr.“ Ihr Waffen-Kollege Oberfähnrich Marcel Engels kann sich den heiß debattierten Einsatz der Bundeswehr im Inland durchaus vorstellen. Es komme halt nur auf den Umfang an. Oberfähnrich Mirko Bindewald: „Die sicherheitspolitische Lage erfordert die neue Struktur der Bundeswehr. Ich begrüße sie.“

KATLEN TRAUTMANN

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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