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Sächsische Zeitung, 16. Januar 2007

Viel Vergnügen beim Wachstum
Von Katlen Trautmann

Konjunktur. Branchen rund um Vergnügungen werden immer wichtiger. Davon profitiert auch Sachsen

Das Riesenrad, der Autoscooter oder die Schießbude – sie sollen auch 2007 nicht teurer werden. Das hat zumindest Wilfried Thal vom Bundesverband der Deutschen Schausteller und Marktkaufleute gestern in Berlin versprochen. Die Konkurrenz ist schließlich hart – und nicht nur die auf dem Rummel.

Die längeren Ladenöffnungszeiten führen nämlich vor allem auf den Volksfesten zu einem Besucherrückgang an den Sonnabenden und in den Abendstunden. 1,5 Millionen Schausteller und Markthändler in Deutschland müssen sich deswegen etwas einfallen lassen, um auch weiterhin ihr Stück vom Freizeit-Kuchen der Bundesbürger zu bekommen. Das war 2006 immerhin rund fünf Milliarden Euro wert, obwohl Fußball-WM und teils trüber Sommer viele Besucher von den Jahrmärkten fernhielten. Dennoch bleibt der Rummel eines der beliebtesten Freizeitvergnügen der Bürger: Fast zwei Drittel haben im vergangenen Jahr laut einer Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstitutes die Fahrgeschäfte besucht. Zoo, Kino oder Spaßbad folgen erst auf den weiteren Plätzen. Neun von zehn Befragten gaben allerdings an, in den vergangenen zwölf Monaten in Lokalen gezecht zu haben. Auch für Medienkonsum von CDs über Handys bis Zeitschriften gaben acht von zehn Leuten gern Geld aus.

Lokomotive für die Lausitz

„Die Freizeitwirtschaft hat sich zur Leitökonomie der Zukunft entwickelt“, sagt darum der Forscher Professor Horst Opaschowski. Die Branche werde die Lokomotive sein, die die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts antreibe.

In Sachsen ist der Aufschwung bei der Freizeitgestaltung ebenfalls allerorten zu verspüren: In diesem Jahr erwartet der Geschäftsführer der Tourismus-Marketinggesellschaft Sachsen, Hans-Jürgen Goller ein „gemäßigtes Wachstum“ – allerdings nach satten neun Prozent Plus im Vorjahr. Und andere Touristiker sind offenbar optimistischer: In Dresden etwa sind auch nach der 800-Jahr-Feier mehrere Hotels gleichzeitig im Bau – und in der Lausitz sogar die größte neue Freizeitlandschaft Mitteleuropas.

„Der Tourismus wird in der Lausitz zwar nicht die gleiche Beschäftigungswirkung entfalten wie der Maschinenbau“, sagt Geschäftsführer der Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien mbH (MGO) Holm Große. Doch 11000 Beschäftigte und ein Bruttoumsatz von 500 Millionen Euro sind schon drin, wenn die Lausitzer Seenplatte mit Speedbootzentrum, schwimmenden Gästehäusern und Kunstprojekten fertig entwickelt ist. Rund 30 Jahre Ausbauzeit setzt Große an.

Ein gut investierter Ausbau. Denn jeder deutsche Haushalt lässt sich Spiel, Spaß und Unterhaltung monatlich rund 261 Euro kosten, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Dazu kommen 99 Euro für Gaststättenbesuche und Übernachtungen. Die Ausgaben für Freizeit stiegen seit der Wende jährlich zwischen 48 und fünf Prozent. Tourismus, Medien und Unterhaltung boomen besonders. Mit weit überdurchschnittlichen Raten zählt die Erlebnisökonomie seit vier Jahrzehnten zu den stabilsten Wachstumsbranchen.

Job-Maschine Freizeit

Und sie muss auch künftig keinen Wettbewerb scheuen, sagt Freizeitforscher Opaschowski. Schon heute arbeitet jeder sechste Beschäftigte in der Freizeitindustrie, Tendenz steigend. Allein im Luftverkehr wird die Passagierzahl bis 2015 um etwa 70 Prozent auf über 250 Millionen Fluggäste zunehmen. Der Dachverband der deutschen Reisebüros prognostiziert bis zu 80 000 zusätzliche Jobs. Selbst ein auf den ersten Blick kleiner Freizeitsektor wie der Kulturbereich erwirtschaftet mit 35 Milliarden Euro rund 1,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – und damit mehr als die ganze Energiewirtschaft (30 Milliarden Euro).

Wenn die Sachsen allerdings ausgehen, bleiben sie kostenbewusst und wählen sorgsam. In die Erdgas-Arena Riesa etwa kamen 2005 mit 140000 Besuchern rund 35000 mehr als zwei Jahre zuvor – doch die hielten die Taschen zu: Der Arena-Umsatz sank laut Sprecher Uwe Päsler zugleich von 2,77 Millionen Euro auf 1,66 Millionen Euro. Die Arena Leipzig hatte 2006 mit 1,8Millionen Besuchern rund 0,2 Millionen weniger als im Jahr davor. Für 2007 rechnet der Geschäftsführer der ZSL Betreibergesellschaft, Winfried Lonzen, „mindestens mit den Zahlen von 2005, eher darüber hinaus“.

Die Kinobetreiber müssen ebenfalls hart rechnen – nicht zuletzt wegen der Dichte der Filmtheater gerade in den großen sächsischen Städten. Und auch beim Reiseveranstalter Eberhardt Travel aus Kesselsdorf stellt man sich auf die Mühen der Ebene ein. „Wir werden nicht überrannt. Die Nachfrage ist eher konstant“, sagt Prokuristin Sylvia Fischer.

Denn auf dem Freizeitmarkt tummelt sich in Ost wie West gleichermaßen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, warnen die Autoren der Freizeitstudie. Zum Konsum gehört schließlich zweierlei: Zeit und Geld. Wer wenig Geld hat, investiere mehr Zeit. Wem es an Zeit mangele, der greife dafür tiefer in die Tasche. „Durch die Einkommensverhältnisse gibt es Verschiebungen“, beschreibt es der Freizeitforscher.

Geld + Zeit = Umsatz

Nur jeder dritte Haushalt mit einem Nettoeinkommen unter 1750 Euro hat innerhalb eines Jahres Geld für Theater, Oper oder Konzert ausgeben können. In Haushalten mit einem Nettoeinkommen über 2000 Euro war es hingegen jeder zweite. Bei Reisen, dem Kauf von Freizeitausrüstungen oder dem Sport sieht es ähnlich aus.

Deswegen wächst der Freizeitmarkt vor allem dort, wo anspruchsvolle Angebote auf Kunden mit Geld und Zeit treffen. Im Jahr 2010 werden bereits 6,6 Millionen Deutsche einen Wellness-Urlaub buchen, wie das Münchener Institut für Freizeitforschung herausgefunden hat. Vor drei Jahren waren es gerade einmal 1,5 Millionen Bundesbürger. Von dieser gesundheitsorientierten Rundum-Urlaubsgestaltung werden natürlich besonders Freizeitoasen wie das künftige Lausitzer Seenland profitieren, in denen umfassende Angebote rund um das Thema Wellness geplant und im Bau sind: Vom Grand-Hotel über die Wassersport-Anlagen bis zu Golfplätzen und Kurkliniken an den Ufern der Gewässer.

Mit diesem europaweit einmaligen Mix werden die Ostsachsen wohl im kommenden Jahrzehnt ein Freizeitmagnet mit grenzenloser Anziehungskraft werden. Denn die die Freizeitforscher haben auch herausgefunden: „Ost- und Westdeutsche sind im Freizeitverhalten gleich.“ (mit SZ/pw)

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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