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Sächsische Zeitung, März 2007

Wider alte Rollenmuster
Katlen Trautmann

Der „Girls Day“ hat einen kleinen Bruder und nur wenige kümmern sich um ihn. Während am bundesweiten „Girls Day“ Mädchen in Männerberufe hineinschnuppern, können Jungen am „Boys Day“ ihre Talente für soziale und pädagogische Aufgaben ausloten. Aber nur wenige Halbwüchsige versuchen es in Sachsen. Lehrer und Eltern leisten gegen die Aktion passiven Widerstand, kritisieren Fachleute, darunter Holger Brandes, Professor an der Evangelischen Hochschule für Sozialarbeit in Dresden. „Sie sehen in sozialen Berufen für Jungen keine Perspektive“, sagte der Pädagoge. Einige Argumente kann er sogar nachvollziehen.

Soloauftritt

Die Stadt Dresden richtet als einzige Kommune in Sachsen einen „Boys Day“ aus. 96 (!) Schüler zwischen 14 und 16 machten vergangenes Jahr mit. Vier Fünftel der 484 Plätze in 53 Einrichtungen blieben leer. „Enttäuschend für die Häuser“ sei das gewesen, bemerkt der Abschlussbericht der Stadt. Zum Start vor zwei Jahren waren 172 Jungen gekommen. „Für alle waren es erfolgreiche Tage“, sagte Sabine Pfeiffer vom Gleichstellungsbüro der Stadt. Den Organisatoren bleibt der Achtungserfolg. Eine nicht zu unterschätzende Ursache für die geringe Resonanz liegt auf Seiten der Schulen, hat Sabine Pfeiffer beobachtet. Es werde zu wenig getrommelt dafür. „Und wenn Schulen überhaupt Jungen schicken, wissen diese oft nicht, worum es geht“, kritisierte die Fachfrau. Einige Pädagogen sehen im „Boys Day“ eine „Verwässerung“ des Mädchen-Tages. Die Teenager fürchten nicht selten, männliche Rollenvorstellungen abzustreifen.

Zwei Gymnasien beteiligen sich

Dabei sind solche Sorgen unbegründet, weiß Niels Nürnberger vom Evangelischen Kreuzgymnasium Dresden. Der Zehntklässler hat während des Berufspraktikums in der neunten Klasse zwei Wochen im Kindergarten „Zwitschernest“ in Dresden-Striesen gearbeitet. Zwei Mitschüler machten mit. Hausmeister-Tätigkeiten standen nicht auf dem Arbeitsplan. „Die kleinen Jungs vor allem haben sich gefreut, dass wir da waren und mit ihnen gespielt haben“, sagte Niels. Bedenken wegen vermeintlich „unpassender Aufgaben“ habe er keine gehabt – auch, weil fünf jüngere Geschwister im Alltag Ansprüche an ihn stellen. Das Kreuzgymnasium und das Dresdner St.-Benno-Gymnasium nehmen beim Thema geschlechtsspezifischer Berufsvorbereitung eine Vorreiterrolle ein: Schüler beider Häuser leisten prinzipiell ein Sozialpraktikum. „Wir möchten vor dem Hintergrund unseres christlichen Menschenbildes, dass alle Kinder Umgang mit scheinbar schwächeren Menschen pflegen“, sagte die Leiterin des Kreuzgymnasiums, Gabriele Füllkrug. St.–Benno–Schüler können auf Wunsch ein Betriebspraktikum zusätzlich leisten.

Neue Horizonte

Andernorts ist man davon weit entfernt. „Die Rückmeldungen von Kollegen aus beispielsweise Horten lassen den Schluss zu, Lehrer und Eltern fürchteten, Jungen durch Praktikainhalte mit pädagogischen Aufgaben auf den sozialen Abstieg vorzubereiten“, sagte Psychologe Brandes. Nicht nur Vorurteile drückten sich so aus, zeigte er Verständnis. „Mädchen erschließen sich am „Girls Day“ neue Horizonte – technisch und finanziell“, fasste er zusammen.

Die gesellschaftliche Wahrnehmung für Jungen sei anders. Das Sozialministerium will durch Appelle den Männeranteil erhöhen. „In Pressemitteilungen und Auftritten wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, Jungen auch für klassische Frauenberufe zu interessieren, damit auch sie ihre Begabungen und Berufsmöglichkeiten voll ausschöpfen“, sagte Sprecher Jürgen Vogels. Der Männeranteil in den sozialen und pädagogischen Einrichtungen soll so perspektivisch erhöht werden. Das bundesweite Netzwerk „Neue Wege für Jungs“ bündelt Initiativen, die sich um Berufswahl und Lebensplanung von Jungen kümmern und wirbt für den „Boys Day“. Auf der Internet-Seite rät man Pädagogen zaghaft: „Fragen Sie die Jungs doch, was sie möchten.“

Klassisches Bild

Das könnte möglicherweise nicht reichen, denn die Praxis zeigt eine traditionellere und rauere Seite. „Kleinkinderbetreuung passt noch immer nicht zum klassischen männlichen Bild“, erklärte Brandes. „Vor allem Erzieherberufe haben ein katastrophales Image und sind schlecht bezahlt.“ Beides müsse man ändern, um mehr Jungen für soziale Berufe zu begeistern und den dort arbeitenden Frauen das Arbeitsleben leichter zu machen.

Auf diesen Nenner lässt sich das Fazit der ersten Tagung zum Thema „Männer in Kitas“ bringen, zu der kürzlich 150 Pädagogen aus ganz Deutschland nach Dresden kamen. Bundesweit sind lediglich 2,7 Prozent aller Frühpädagogen Männer.

Boys Day 2007

Der Boys Day findet zum dritten Mal statt. Am 26. April öffnen mehr als 40 Einrichtungen die Türen, darunter die Medizinische Berufsfachschule Dresden, das Jugendamt Dresden, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), das Kinder- und Jugendhaus Laubegast, die Sächsische Landesärztekammer sowie Kindertagesstätten, Senioren- und Pflegeheime, Krankenhäuser und Grund- und Förderschulen. Jungen zwischen zehn und sechzehn Jahren sollen angesprochen werden. Im World Trade Center werden zwischen 9 und 13 Uhr für Mädchen und Jungen „ungewöhnliche“ Berufe vorgestellt, Kurzfilme gezeigt, ein Bewerbungs-Check angeboten und darüber diskutiert, was typisch männlich und typisch weiblich ist. Die Fachstelle für Jungen – und Männerarbeit Dresden unterstützt das Vorhaben. Der Eintritt ist frei. Die Liste aller beteiligten Häuser und ein Formular für die Freistellung vom Unterricht findet man unter:

www.jugendserver-dresden.de.
Www.maennerberatung-dresden.de
www.dresden.de/frau-mann
www.neue-wege-für-jungs.de

 

Katlen Trautmann • Tel.: 0351 31 777 81 • Fax: 3222 375 4 357 • Funk: 0171 26 66 354 • Email: katlen.trautmann@t-online.de

 
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